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Rezension
Ihr Lieben!
Im folgenden findet Ihr einen Bericht / eine
Rezension zum Debütgig der Stott Dot Com
Boys in Calw. Der Text wird demnächst in
diversen Publikationen online wie print veröffentlicht,
darunter die GeZeit (Bochumer Zeitschrift des
germanistischen Instituts), PunktDe (Online-Journal
für Sprache und Kultur aus Bochum) und
Broken Silence (Rockmagazin im Internet).
Bevor ich Euch nun in den Text entlasse, möchte
ich allen Stott Dot Com Boys noch sagen, dass
dieses Wochenende in Calw der Hammer war und
dass ich mich in Euch alle und Euer Projekt
verliebt habe!
Danke!
Euer
Oliver Uschmann
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SprachLos? Die Liebe zum Leben
Das
Projekt der Stott Dot Com Boys überrascht
mit einem poetisch-musikalischen Programm über
das Sprechen, die Sprache, das Mensch-Sein und
die Kunst, flüssig zu sein.
Ich stehe im orangenen Licht dämmerig beleuchteter
Fachwerkhäuser und habe das Gefühl,
mich in einer Märchenstadt zu befinden.
An allen Horizonten erstrecken sich bewaldete
Berge und die Straßen des kleinen Städtchens
schlängeln sich in Steigungen durch den
verschlafenen Dezember, die jeden Spaziergang
zur Bergbesteigung machen. Vielleicht kommt
die zauberhafte Atmosphäre dieses Ortes
auch von seinem prominentesten Kind - Hermann
Hesse - jenem Dichter des Siddharta, des Steppenwolf
oder des Glasperlenspiels, der hier in Calw
- nahe bei Stuttgart - geboren wurde. Und auch
dieser hätte ebenso wie ich nicht ahnen
können, dass die Aula von Calw an diesem
Abend des 14. Dezember eine Show erleben würde,
die das Potential hat, aus den Bergfluchten
des Südens hinaus auf die ganz großen
Bühnen zu stürmen.
Die Hermann Hesse-Gesellschaft ermöglichte
die erste Show der Stott Dot Com Boys, einem
Projekt, das noch von sich hören machen
wird und an diesem winterlichen Abend sein erstes
Programm namens SprachLos? aufführte. Und
genauso hinterließ es mich nach dreieinhalb
überwältigenden und nie langweiligen
Stunden - sprachlos und beeindruckt. Doch immer
der Reihe nach.
Die
Stott Dot Com Boys sind ein Projekt aus der
Quelle des Stotterer-Trainings, einer innovativen
und ganzheitlichen Stotterer-Therapie, die sich
nicht mehr und nicht weniger zum Ziel gesetzt
hat, als im Rahmen ihres Trainings nicht nur
Techniken für das fließende Sprechen
zu vermitteln, sondern die Menschen vielleicht
zum ersten Mal in ihrem Leben aus der flimmernden
Äußerlichkeit unseres hektischen
Lebens herauszulocken und sie dorthin zu führen,
wo eine neue Wahrnehmung möglich ist: zu
sich selbst. Denn genau dort sind wir ja eigentlich
nie, wenn wir im wahrsten Sinne des Wortes „zerstreut“
durch unsere Tage treiben und uns von immergleichen
Mustern lenken lassen, die uns schaden wie das
eine Bier, das noch reingeht oder die Stimme
in unserem Kopf, die uns sagt, dass wir es nicht
schaffen und der wir nachgeben, weil sie ein
Zuhause ist. In den Kursen - die neben dem Stotterer-Training
auch Seminare zur Stressbewältigung beinhalten
- erfahren Stotterer wie Nicht-Stotterer eine
neue „Entdeckung der Langsamkeit“, eine Reise
nach Innen und eine tiefgehende Befreiung, die
auch so manche „geistige Blocks“ und Teufelskreise
in uns löst. Und genau dieses - diese Befreiung,
dieser Durchbruch zum fließenden Sprechen
und Leben, diese kleine Wiedergeburt - wurde
nun durch die Stott Dot Com Boys poetisch, dramatisch
und musikalisch auf die Bühne gebracht.
Und wie!
Angelehnt an die Dichtung von Hermann
Hesse und die metaphysischen Erkenntnisse Siddhartas
ist SprachLos? mehr als eine bloße Umsetzung
therapeutischer Didaktik in Bühnenform,
wie der ein oder andere befürchtet haben
mag. SprachLos? ist ein Gesamtkunstwerk über
das Mensch-Sein, über das Leben, die Wahrnehmung
und die Rolle der Sprache. SprachLos? ist poetisches
Rocktheater mit einem guten Dutzend mitreißender
Songs und Anleihen an Progressive Rock, charmanten
Schlager, Deutschrock, Blues und Rap. SprachLos?
ist dunkle und schizoide Lyrik neben urkomischer
Improvisation, rezitativer Pathos neben augenzwinkerndem
Humor, Reflexion über die Sprache und emotionaler
Ausbruch, Song über die Resignation und
Hymne an die Liebe zum Leben. Nicht nur wird
hier die Rolle und das Erleben eines Stotterers
in unserer Gesellschaft wirklich fassbar gemacht
und für ein Problem sensibilisiert, das
heute noch in der Pädagogik kaum eine Rolle
spielt und Anlass zu alltäglichem Sozialrassismus
gibt, nein, vor allem wird sich mit einem Paukenschlag
von Lebenskraft und Liebe aus der Rolle des
leidenden Verlierers befreit und im allerbesten
Sinne einer „ästhetischen Erziehung des
Menschen“ auf der Bühne vorgeführt,
was auch das Motto des Trainings ausmacht: „Es
ist besser, ein Licht anzuzünden als über
die Dunkelheit zu klagen.“
In diesem Sinne strahlt diese Show tausend Mal
heller als Millionen von Fachbuchseiten und
gutgemeinter Didaktik es je leisten können,
denn egal ob Stotterer oder nicht: diese dreieinhalb
Stunden verlässt nur der ohne ein Gefühl
von neuer Motivation zum Leben, der sich schon
längst in zynisch-verhärteter Selbstgefälligkeit
in sein Leiden eingemummelt hat und seinen „Muskelpanzer“
- den man durch das einfache Geheimnis der Atemtechnik
zu lösen lernt - bereits zur härtesten
Legierung gebracht hat. Wer aber offen ist für
die Möglichkeit von Befreiung und Veränderung
im Hier und Jetzt und nicht in einem „wenn,
dann“ oder „ja, aber“, der bekommt in diesen
stimmungsvollen Stunden schwungvoller Rocksongs,
literarischer Monologe, kluger Dichtung, treffsicherer
Comedy und unverhohlener Lebensfreude eine solche
Menge an positiven und motivierenden Gedanken
über das Dasein und das eigene Leben an
die Hand, dass neben einigen wirklich hartnäckigen
Ohrwürmern auch die erahnten Möglichkeiten
eines anderen Lebens kleben bleiben.
Dabei
saß das Publikum an diesem Abend sprachlos
vor den poetischen Darbietungen mittlerweile
flüssig sprechender Stotterer, der durchdachten
und sehr abwechslungsreich gestalteten Komposition
des Ablaufes, der literarischen Qualität
der eigenen Texte und der Kraft der dargebotenen
Songs, bei denen man sich mehr als einmal fragte,
ob das auch wirklich keine Coverversionen sind:
nun, neben den Beatles, Yes und einem alten
20er-Jahre-Schlager handelte es sich tatsächlich
allesamt um Eigenkompositionen.
Das kleine Publikum, dass dieses Debüt
der Stott Dot Com Boys in den Fachwerkbergen
von Calw verfolgte, konnte es jedenfalls kaum
glauben, dass dies die allererste Aufführung
von SprachLos? gewesen sein sollte. Und auch
wenn kleine Teile des Programmes gekürzt
und das Zusammenwirken der spielfreudigen Band
naturgemäß optimiert werden könnte,
ist es doch schlichtweg ein Sinnbild für
den Geist dieser Gruppe, dass sie sich nach
einem kleinen Verspieler erst mal gemeinsam
in die Schlusszeile singen, abklatschen und
dann mit dem Publikum köstlich über
die eigene Unzulänglichkeit amüsieren.
Denn perfekt muss in dieser Welt keiner sein.
Nur das Leben und damit auch das Sprechen lieben
lernen, was eine alles andere als kleine Aufgabe
ist. Wer sich ihr widmen möchte, sollte
Ausschau nach der nächsten Show der Stott
Dot Com Boys halten. Eine bessere Droge zur
Lebenskunst kann es kaum geben.
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